12/04/09

Martins Musikcafé | Dömitz | Staat-Sex-Amen-Tour 2009

Bericht von Philipp (wie immer)

Fieber habe ich zwar nicht messen können, aber ich gehe davon aus, dass ich zumindest erhöhte Temperatur habe. Den ganzen Tag laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Husten, Schnupfen, dicker Kopf. Vom Tag zwischen 8 Uhr und 18 Uhr habe ich etwa 7 Stunden im Bett verbracht. Heute Abend auf der Bühne zu sitzen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, aber ich denke mir: Nur noch dieser Abend. Morgen geht es nach Hause. Das schaffst Du jetzt auch noch irgendwie. In Martins Café wird mir auch sofort eine frische heiße Zitrone zubereitet. Schwitzend nehme ich am Soundcheck teil. Eine Superanlage hat der Martin hier. Außer Lautstärke brauchen wir nichts einzustellen. Gesangs- und Gitarrensound sind perfekt. Zum Essen geht’s in eine nahe gelegene Gaststätte, wo außer uns nur zwei Dorfbetrunkene (19 Uhr!) sitzen. Viel hat das, was der eine da von sich gibt, nicht mit Sprache zu tun, aber ich kann gerade so verstehen, dass er sich über autonomes Zeckenpack, das man abknallen sollte, auslässt. Diesen „Dialog“ kann ich mir perfekt in einem Hörbuch von Heinz Strunk vorstellen. Lispelndes Gelalle frei von jeglichem Satzbau. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Am nächsten Morgen sehe ich die selben Typen um 10:30 Uhr am Glühweinstand wieder. Armes Deutschland.
Zurück in Martins Musikcafé: Wir sollen noch ne halbe Stunde warten, darum lege ich mich noch mal in mein Wohnmobilbett. Kann ich heute wirklich spielen? Ich fühle mich wie ein Wrack. Husten, Schnupfen, Fieber und seit dem Essen auch noch Verdauungsprobleme (entschuldigt diesen tiefen Einblick in mein Tourleben). Noch nie hatte ich eine Pause so nötig. Oder steigere ich mich da gerade nur rein? Oder ist mein Körper zu schwach und gebrechlich für das dauerhafte Musikerleben? Diese Gedanken beschäftigen mich, bis Lennart an die Tür klopft und sagt: „Wir sollen dann mal!“ Show must go on, also ab auf die Bühne. Im ersten Moment zweifele ich noch mal ernsthaft daran, ob ich in der Lage bin, das durchzuziehen. Leichte Krämpfe und Hitzewallungen sprechen dagegen. Kurz darauf erfahre ich aber so etwas wie die magische, heilende Wirkung der Bühne. Das kann doch nicht sein. Eben dachte ich noch, ich müsse sterben und jetzt geht es mir verhältnismäßig gut. Sind das kleine Adrenalinstöße oder was? Jedenfalls bin ich vom einen auf den anderen Moment wie ausgewechselt. Auch meine Stimme spielt mit. Niesen muss ich auch plötzlich nicht mehr.
Das Publikum besteht aus zwei Weihnachtsfeiergesellschaften. Die eine ist von der Sparkasse und freut sich sichtlich über das Darlehen-Lied („Bin des Sparens überdrüssig und ich geh zu meiner Bank/Bin jetzt endlich wieder flüssig, schönen Tag, noch, vielen Dank“). Einige Polizisten sind auch anwesend, daher bekommt der Vortrag von „Hanfgebäck im Handgepäck“ eine ganz eigene Note. Überhaupt sind wir erstaunt, dass die Leute uns sehr viel zuhören. Natürlich werden immer mal wieder Gespräche geführt, normal, ist ja ne Weihnachtsfeier, aber zwischenzeitig sind sie echt voll dabei.
Wir sind heute früh fertig, gegen 22:30 Uhr,. Auch wenn jetzt noch Leute kommen, nach zwei Zugaben ist finito und ich lege mich schlafen. Nach einem Monat Tour geht es morgen endlich wieder nach Hause. In den kommenden Wochen erwartet uns dann ein Musikerleben, dass ich mir auf Dauer besser vorstellen kann: Die Woche über zu Hause frei und am Wochenende spielen fahren. Wenn man davon mal leben könnte. Wer weiß. Vielleicht irgendwann einmal.