10/30/10
Fliegender Schwan | Greifswald
Bericht von Philipp
Ein kleines Zwischenresümee: Heute wird unser erster Tourmarathon beendet. Lennart und ich können uns beide nicht erinnern, schon einmal sechs Tage am Stück hintereinander Konzerte gegeben zu haben. Es ist schon anstrengend, aber bis heute haben wir das gut überstanden. Sogar haben wir noch aus dem Konzert- einen Partymarathon werden lassen. Dann noch die Büroarbeit am Tage. Im Moment frage ich mich wirklich, wo wir die Energie dafür hernehmen. Darüber hinaus finde ich, dass wir auf Tour, was Dinge wie Arbeitsverteilung angeht, echt ein Spitzenteam sind. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, dass alles in Bewegung bleibt. Ich habe das Tourleben noch nie so genossen. Alles läuft irgendwie und nebenbei treffen wir alte Freunde, Bekannte und Familie und dürfen das Beruf nennen. Auch wenn da einiges an Arbeit hinter steht und wir laut EU-Definition als arm gelten, wie wir kürzlich im Radio erfahren haben, ist es doch eine Arbeit und ein Leben, das sehr glücklich macht. Ich bin froh, das erleben zu dürfen und würde im Moment keinen geregelten und gut bezahlten Job vorziehen.
Nun aber zum eigentlichen Inhalt des Tages: Dämmerung in Greifswald. Im Fliegenden Schwan brennt noch kein Licht, also warten wir bis 19 Uhr. Bardame Julia ist bereits da und sagt uns, wo wir unsere Sachen aufbauen können. Heute geht das längst nicht so schnell wie gestern, was aber auch daran liegt, dass der Raum keine Bühne hat, relativ klein und verwinkelt ist und man erstmal überlegen muss, wo genau die Bühne anfangen und aufhören soll. Dann die typische Überlegung bei einer solchen Raumkonstellation: Wo stellen wir die Box auf, ohne dass es zu Rückkopplungen kommt? Wir finden einen Ort: Die Box steht heute mitten an der Theke.
Zum Essen suchen Lennart und ich uns das Hot-Dog-Baguette aus, also ein Baguette mit Würstchen, Käse, Gurken, Röstzwiebeln und Remoulade. Hört sich vielleicht seltsam an, schmeckt aber sehr gut. Dazu gibt es bei mir zunächst mal einen alkoholfreien Cocktail.
Bald kommen auch schon die ersten Leute. Ein Gast, der uns vom Göttinger Liedermacherfestival kennt, ist heute in seiner alten Heimat und hat zufällig erfahren, dass wir heute hier sind und hat gleich seine Freundin und einen Bekannten mitgebracht. Auch einige andere Leute scheinen gezielt zum Konzert zu kommen und fragen uns auch schon, wann es denn los geht. Etwa 25 Gäste sind heute bereit, Eintritt für Spieltrieb zu zahlen und für unseren ersten Gig in Greifswald finden wir das gar nicht schlecht. Es wird auch gut zugehört und der CD-Verkauf ist heute auch mal wieder eine positive Resonanz. Leider habe ich heute eine relativ lahme Vorstellung gegeben. Ich habe nicht schlecht gespielt, aber nach dieser Woche bin ich einfach doch recht ausgepowert und wahrscheinlich müssen mich hier alle für bekifft halten, da ich meine Augen schon nicht mehr ganz aufhalten kann. Sechs Tage Rockerleben fordern ihren Tribut. Mir geht es dabei aber überhaupt nicht schlecht ich bin nur irgendwie Stand-by-mäßig im Halbschlaf. Ich bin halt heute nicht so der Animateur, muss ich ja auch nicht sein. Dafür zappelt Lennart ganz gut rum und gleicht meine Trägheit aus.
Nach dem Konzert unterhalte ich mich mit Julia über unsere gemeinsame neue Lieblingsband „Mumford and Sons“, deren Songs wir auch alle mindestens einmal hören. Mir hat Julia allerdings voraus, dass sie die Band vor kurzem live gesehen hat. Da war ich mit der Entdeckung dieser wahnsinnig guten Folkband etwas zu spät dran. Später kommen Lennart und die anderen zwei versunkenen Gestalten hinzu. Julia, die längst schon hätte Feierabend machen können, findet es anscheinend so nett mit uns, dass sie uns noch mit mehr Getränken versorgt und auch selbst mit trinkt.
Mal wieder geht ein sehr schöner Abend und damit eine sehr schöne Tourwoche zu Ende und ich freue mich auf die nächsten beiden konzertfreien Tage, die wir in Berlin verbringen werden.