05/17/13

Museumsbunker | Wilhelmshaven

(Bericht von Lennart)

 

Es ist nicht sonderlich klug, zu versuchen, einen Tourbericht erst einige Monate später zu schreiben. Es ist eher ziemlich dumm. Andererseits: Vielleicht filtert die Zeit das Erlebte auf das Wesentliche. All das, was an diesem Auftritt wirklich bemerkenswert ist.

Das augenfälligste Alleinstellungsmerkmal dieses Auftritts ist der Auftrittsort. Wir spielten in der Justizvollzugsanstalt - landläufig auch Knast genannt. Vor Ort begrüßte uns Mike recht herzlich. Er ist einer der Justivollzugsbeamten, hatte uns irgendwie irgendwo mal gehört und dann angefragt, ob wir nicht Lust hätten, mal bei ihm in der JVA aufzutreten. Geplant sind zwei Auftritte sozusagen hintereinander. Am Nachmittag spielen wir für die Inhaftierten, abends gibt es dann ein öffentliches Konzert für das Wilhelmshavener Publikum.

Auf dem Gelände der JVA befindet sich ein Bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Nicht so ein Billig-Bunker, wie er damals für die Bevölkerung gebaut wurde, sondern ein richtig massives Teil, das die Offiziere, die in der damaligen Marinekaserne untergebracht waren, vor den Bombardements der Alliierten schützte. Dieser Bunker wurde von Mike, Freunden, Förderern und einigen Insassen der JVA umgebaut und als Museum eingerichtet. Für den Umbau wurde an einer Stelle ein Block aus der Mauer geschnitten, um dort ein Fenster einzusetzen. Da kann man sehr gut sehen, dass die Wand über einen Meter dick ist. Das Museum selbst zeigt Exponate aus der Geschichte des Gefängnisses an sich, ein frühe Zelle ist auch eingerichtet. In genau dieser Zelle bauen wir unser Equipment auf und spielen heute sozusagen hinter Gittern, wobei hier die Umfriedung lediglich mit roten Museumsabsperrkordeln ausgeführt ist. Angenehmerweise!

Die Zuschauer selbst sollten auf eigens dafür aufgestellten Klappstühlen Platz nehmen. Der Raum ist nicht groß, so dass es mit 30 Stühlen, ergo 30 Zuschauern schon recht voll werden würde. Zu unserem ersten Auftritt kommen dann auch tatsächlich 25 Insassen, die während der ersten beiden Lieder noch ein bisschen zögerlich, vielleicht skeptisch reagieren. Dann aber schmilzt das Eis. Zunehmend werden wir gefeiert, in der kurzen Raucherpause kommen wir mit den Leuten ins Gespräch. Ein erwartungsgemäßer Hit ist das für das Finale aufgesparte "Hauptsache Uniform". Nach dem Konzert erwerben einige der Knackis unser aktuelles Album und weihen uns in ihren Plan ein, heute zum Einschluss den Song laut abzuspielen. Sie sagen, die meisten ihrer "Wärter" entsprächen genau dem von uns gezeichneten Bild eines Menschen, der unbedingt eine Uniform benötigt, um überhaupt irgendeine Form von Selbstbewusstsein zu entwickeln. Arme Würstchen, die ihr Selbstbild über die Uniform erhalten. Traurig, wenn es wahr ist!

Den Einschluss hätte ich nur zu gern selbst erlebt, wie aus der Hälfte der Zellen unser Lied tönt …

Im Anschluss spielen wir das öffentliche Konzert. Wobei auch hier bemerkenswert ist, dass das Publikum durchaus auf das Gelände des Gefängnisses gehen muss, der Einlass von uniformierten Beamten geregelt und kontrolliert wird und überhaupt.

Anschließend bauen wir flugs ab, räumen alles zusammen, und fahren zu mir nach Achim, denn von hier aus soll es am nächsten Morgen gemeinsam mit Simon und Jan zum nächsten Auftritt gehen.